// Winterreise // Der in Berlin lebende Musiker Alexander von Schlippenbach prägt seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts den modernen Jazz. Die amerikanische Jazzpresse feiert ihn als den grossen „Weltklasse Jazzpianisten“. Schlippenbach gehörte zur Berliner Free Music Production, einem Kreis von MusikerInnen, die den Aufbruch zu einer eigenen Musiksprache wagten. Gemeinsam ist den PionierInnen der europäischen Jazzavantgarde, dass sie musikalisch aus der Jazztradition stammen, Swing, Bop und Blues intus haben, dann aber im Zuge der künstlerischen ...
// Winterreise // Der in Berlin lebende Musiker Alexander von Schlippenbach prägt seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts den modernen Jazz. Die amerikanische Jazzpresse feiert ihn als den grossen „Weltklasse Jazzpianisten“. Schlippenbach gehörte zur Berliner Free Music Production, einem Kreis von MusikerInnen, die den Aufbruch zu einer eigenen Musiksprache wagten. Gemeinsam ist den PionierInnen der europäischen Jazzavantgarde, dass sie musikalisch aus der Jazztradition stammen, Swing, Bop und Blues intus haben, dann aber im Zuge der künstlerischen Emanzipationsbewegungen der 60er Jahre eine eigene freie Musik kreierten.
Schlippenbach, 81 Jahre alt, blickt auf ein bewegtes Leben und ein bedeutendes Werk zurück. Berühmt sind die Aufnahmen mit seinem Globe Unity Orchestra, legendär das Alexander von Schlippenbach Trio mit Evan Parker und Paul Lovens, welches seit über 46 Jahren besteht, und auch in diesem Jahr wieder seine traditionelle Winterreise unternimmt.
Bei der Winterreise wird Paul Lovens durch Paul Lytton vertreten.
Zu Religion gehört auch das Ketzertum. Der Vorwurf, ein Ketzer zu sein, wird oft bewusst in Kauf genommen, um künstlerische Entwicklungen voranzutreiben und das alte Establishment anzugreifen. Das 1972 gegründete Schlippenbach-Trio mußte sich den Vorwurf des Ketzertums lange anhören, da seine Musiker mitverantwortlich waren für eine musikalisch-spirituelle Revolution, die ab Mitte der 60er Jahre die Katechismen des Jazz für ungültig erklärte und den Free Jazz auf die Kanzel hob. Im festen Glauben daran, irgendwann zum Kanon des Jazz zu gehören, bekämpfte das Schlippenbach-Trio festgefahrene Glaubensgrundsätze, revolutionierte die Aufführungspraxis und forderte anstelle des Schöpfergeistes mehr Forschergeist. Das Schlippenbach-Trio hat den europäischen Jazz geprägt und es ist eines der langlebigsten Kollektive der Improvisierten Musik.
Alexander von Schlippenbach 05.12.2016
Vinko Globokar hat einmal gesagt, beim freien Improvisieren interessiere ihn nur die erste Begegnung zwischen Musikern. Schon beim zweiten Zusammenspiel sei der Improvisationsprozeß nicht mehr frei und offen, sondern durch die gemeinsamen Spielerfahrungen belastet und eingeschränkt. Schlippenbach ist da anderer Ansicht: „Es bilden sich Klischees heraus, gewisse Dinge, die von der Erwartung her eintreffen mögen; man stellt sich darauf ein, und die Musik bekommt eine bestimmte Richtung. Wenn man es aber fertig bringt, durch solche Phasen hindurchzugehen, und sich kritisch genug damit auseinandersetzt, dann kann man einen Schritt weiterkommen. Und dann kriegt die Musik plötzlich einen festen Boden unter den Füßen, der ihr sonst erstmal fehlt.“ Soweit Schlippenbach im Gespräch mit Peter Niklas Wilson.
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