Notizen zu Thomas Werk
Bernd Wolfgang Lindemann
Thomas Werks Bilder zeichnen sich in jeder Beziehung durch extreme Reduktion aus, radikaler Rücknahme
nicht nur des Dargestellten, sondern auch der eingesetzten künstlerischen Mittel. Streng genommen sind seine
Arbeiten Zeichnungen: der Bildträger ist Papier, und erst durch die Montage auf Leinwand entsteht die Anmutung
von Gemälden. Andererseits arbeitet der Künstler zumeist mit Farbe und breitem Pinsel, klassischen Mitteln und
Werkzeugen der Malerei also; doch auch seine Palette ist streng begrenzt: Rot spielt eine wesentliche Rolle,
daneben Schwarz, bisweilen ein dunkles Blau. Kreise, Punkte und Balken bestimmen die Kompositionen,
mitunter auch verwirbelte Formen. Daneben entstehen, ausschließlich in Kohle angelegt und somit enger der
Gattung klassischer Zeichnungen verwandt, zarte kalligraphische Kompositionen, etwa die »Psalmverse« oder
der »Schmerzensmann«.
Aller formalen und ikonographischen Reduktion zum Trotz: Thomas Werks Arbeiten lesen sich gegenständlich,
häuig sogar unmittelbar anthropomorph; selbst dann bereits, wenn wir uns ihrer Bildtitel noch gar nicht
vergewissert haben. Kreise und Balken schließen sich zu Großformen, zu Gesamtkompositionen zusammen; es
werden Gegenstände, Einzeliguren, Gruppen erkennbar: »Kreuz«, »Pilgerstab«, »Tisch«, »Hl. Familie«, »Ruhe
auf der Flucht«, »Pietà«, »Pilger«, in den verwirbelten Formen Themen wie »Taube« oder »Auferstehender«. In
gleichem Maße jedoch lotet der Künstler bei der Namensgebung seiner Arbeiten auch deren grundsätzliches
abstraktes Potential aus, wenn er ihnen als Titel Begriffe unterlegt: »Vollmacht« oder »Gebet«. Dies
»Unterlegen« darf übrigens nahezu wörtlich verstanden werden: Regelmäßig finden sich Thomas Werks Bildtitel
in mikroskopisch kleiner Schrift gleich unterhalb seiner Signatur. Wir können uns an den Arbeiten bewußt
werden, wie sehr zwar der jeweilige Bildtitel »Schlüssel zu einem Sinn« ist (so Umberto Eco in der »Nachschrift«
zu se