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Gazette: Neue Musik in NRW - Ausgabe Februar 2010


(c) Dennis Scharlau©
NM Februar 2010 von Petra Hedler

Gewesen: Hillard Ensemble beim WDR - Klappstuhlfestival
Angekündigt: Klangzeitfestival in Münster – ensemble modern in Essen

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[Hillard Ensemble beim WDR]

Am 17.1.10 war in der Reihe ensembl[:E:]uropa das Hillard Ensemble beim WDR zu Gast. Als Höhepunkt stand endlich mal wieder eine Uraufführung von Heinz Holliger auf dem Programm. Meine Vorfreude wurde allerdings gedämpft, als ich mir den Titel genauer anschaute: Machaut-Transkriptionen. Sofort stellten sich ungute Erinnerungen zum Beispiel an Manuel Hidalgos als Uraufführungen getarnte Beethoven-Übernahmen oder an Sciarrinos Scarlatti-Recycling ein. So schlimm kam es aber zum Glück nicht, im Gegenteil. Wie Holliger in einem einleitenden Gespräch erläuterte, ist für ihn eine Transkription weder eine kunsthandwerkliche Übung noch eine Hommage an frühere Zeiten. Das Transkribieren wird für ihn vielmehr zum Transzendieren, mit dem Ziel, sich selbst und die eigene Zeit erfahrbar zu machen. Zum Auftakt des Zyklus erklingt eine originale Machaut-Ballade, die Holliger anschließend in seiner Ballade IV drei Bratschen anvertraut. Diese überführen die Musik in ein filigranes Stimmgewebe, das sich zu feinsten Flageolettklängen aufschwingt und diese in höchsten Höhen zerstäuben lässt. Vollends beim Triplet Hoquet, das auf Machauts Hoquetus David basiert, bricht sich Holligers ganz eigene Klangsprache Bahn. Wo bei Machaut bei aller Komplexität der Stimmführung noch Linearität gewahrt wird, entfaltet sich nun ein kaum zu entwirrendes Netz, das manchmal auch in sehr energievolle, geräuschhafte Bereiche vordringt. Im Lay VII für vier Stimmen wird die Transkription zur Überschreibung, bei der das Original wie bei einem Palimpsest nur noch als vage Erinnerung erhalten bleibt. Schließlich vereinigen sich Violen und Stimmen im abschließenden Complainte.

Als weitere Uraufführung kam Georg Krölls doppelspiel zu Gehör, das weniger im Material- als im Formbereich an Tradition anschließt. In den Variationen für zwei Bratschen umkreisen sich die beiden Instrumente, mal schroffer, mal zarter, vereinen sich im Unisono oder folgen einander als Echo.

[Klappstuhlfestival]

Bereits zum zehnten Mal fand am 21. und 22.1. das Klappstuhlfest statt, das vom ort e. V. (Peter Kowalds ehemaliger Wirkungsstätte) und dem Verein Unerhört gemeinsam veranstaltet wird und jeweils zum Jahresauftakt Künstler aus Wuppertal und Umgebung mit internationalen Gästen vereint. Gleich zum Auftakt wurde dem Publikum, das den (zugegebenermaßen recht kleinen) ort bis zum Bersten füllte, ein Highlight geboten: Auf der Bühne standen Hans Reichel mit seinem Daxophon und der indische Perkussionist und ehemalige artist in residence des ort Ganesh Anandan . Beim Daxophon handelt es sich um ein von Reichel selbst entwickeltes Instrument, bei dem merkwürdig geformte Holzzungen mit Streicherbogen, einem speziellen Holzkeil sowie diversen anderen Utensilien zum Klingen gebracht werden. Dabei entsteht eine erstaunliche, nahezu unerschöpfliche Klangwelt: Es knarzt und knistert, wispert und wiehert, raunt, röhrt und grunzt, manchmal glaubt man sogar Stimmen zu hören. Anandan umspielt dieses Geräuschsammelsurium perkussiv, wobei er neben schlichtem Schlaggerät auch eine elektrische, mit Metallstiften präparierte Zither zum Einsatz bringt. Gemeinsam entstehen so sehr dichte, rhythmisch geprägte, manchmal auch schwebende, fast elegische Passagen – ein toller Auftakt!

Neben Musik bietet das Klappstuhlfest regelmäßig Grenzüberschreitungen in Richtung Tanz, Video und Performance. Gleich zweimal kam in diesem Jahr der junge belgische Videokünstler Klass Verpoest zum Zuge. Im ort bettete er die Kölner Flötistin Ortrud Kegel sowie die portugiesischen Gäste Eduardo Raon (Harfe) und Joana Sá (Klavier) in tanzende Schwarz-Weiß-Raster, am Freitag setzte er den weiten Raum der Neuen Kirche mit einfachen Linien und Formen in Schwingung, während Ganesh Anandan gemeinsam mit dem Geiger und Klappstuhlorganistor Christoph Irmer für den Musikpart sorgte. Dabei gelingen Verpoest visuelle Akzente, die wirkungsvoll aber nicht effekthascherisch sind und der Musik nicht die Show stehlen. Musikalisch fand ich besonders den phantasievollen und abwechslungsreichen Einsatz der Harfe spannend – normalerweise nicht gerade mein Lieblingsinstrument – ansonsten hätte es, besonders bei dem Duo Anandan/Irmer, für meinen Geschmack ruhig etwas energievoller zugehen dürfen.

Ein Beitrag besonderer Art stammte von Philippe Micol und seiner Ehefrau Ruth Bamberger. Während Micol seinen Saxophonen und Klarinetten schier unglaubliche Töne entlockte, vom ätherischen Flirren bis zum irdischen Grunzen und Tröten, begleitete ihn Bamberger mit zwei Handkameras und bannte Bilder von äußerster Schlichtheit auf zwei Leinwände. Genau darin lag der Reiz des Zusammenspiels, karg, ungeschönt, manchmal banal, nie exaltiert, immer trocken; darauf musste ich mich erst einmal einlassen.

Der Symphatieträger des letzten Acts war zweifellos das von Sala Seddiki kreierte ‚Objekt’, ein insektenartiges, ganz aus Pappe gebautes, ferngesteuertes Wesen, das mit bemerkenswerter Wendigkeit den Raum eroberte, mit den Musikern interagierte und auch schon mal dem Schlagzeuger ins Gehege kam oder sich selbst als solcher versuchte. Leider geriet die Musik dabei völlig ins Hintertreffen. Paul Lytton, den ich wahrlich schon inspirierter erlebt habe, brutzelte in seiner Geräuscheküche vor sich hin und der Londoner Trompeter Roland Ramanan tändelte etwas lustlos mit dem ‚Objekt’ herum, ohne dass ein gemeinsames Spiel, das Herz jeder Improvisation, zustande kam. Hier mag ein grundsätzliches Problem eine Rolle gespielt haben, das sich teilweise auch bei den anderen Beiträgen des zweiten Abends bemerkbar machte: So sehr sich der große Raum der Neuen Kirche für visuelle Experimente eignen mag, die feinziselierten Geräuscherkundungen der improvisierten Musik, die in der intimen Enge des Kowald-Raums an Intensität gewinnen und diese aufs Publikum übertragen, verlieren sich in den Weiten des Kirchenschiffes und drohen in Beliebigkeit zu versanden. Trotz dieser kleinen Einschränkungen ist und bleibt das Klappstuhlfest ein wichtiges Aushängeschild der besonders in Wuppertal lebendigen Improvisationsszene. Man kann nur hoffen, dass es angesichts der von der Politik anvisierten Kahlschlagsszenarien noch lange überleben wird.

(Es formiert sich bereits Widerstand. Gegen die geplante Schließung des Schauspielhauses findet neben weiteren Aktionen eine Unterschriftensammlung statt, an der man sich auch online beteiligen kann.)


[Veranstaltungshinweise]

Köln

In der Reihe "Musik der Zeit" des WDR wird am 4.2. in der Kölner Philharmonie José Maria Sánchez-Verdús Orchesterkomposition Mural uraufgeführt. Außerdem steht am 2.2. und am 28.2. Musik von Alfred Schnittke auf dem Philharmonie-Programm. Die WDR-Reihe ensembl[:E:]uropa wird am 20.2. mit dem Ives-Ensemble fortgesetzt, am 6.2. ist im WDR-Funkhaus Stummfilm mit Live-Musik zu erleben und am 21.2. wird ein Bläserquintett von Steven Harrap uraufgeführt.

Die musikFabrik ist am 27.2. mit Musik von Kyriakides, Xenkis und Christou beim WDR zu Gast. Am 18.2. präsentiert sie in der Reihe TripClubbing im Alten Wartesaal einen „Mix aus zeitgenössischer Musik und Unterhaltung“, in Szene gesetzt von Studenten von Heiner Goebbels, und am 5.2. spielt das Asasello Quartett im Studio der musikFabrik Morton Feldmans 2. Streichquartett, das mit seinen fünf Stunden Aufführungszeit eines der längsten Kammermusikwerke überhaupt ist. Mit Georg Crumbs Black Angels erklingt am 20.2. in St. Clemens ein weiteres Streichquartett aus der Kölner Schlüsselwerksliste. (Infos siehe ON)

Am 7.2. sind in der Kunststation Sankt Peter vor einer anstehenden Erweiterung der Orgel noch einmal Orgel-Improvisationen mit Dominik Susteck zu hören.
Die Marimba-Spielerin Kunihiko Komori sorgt mit der Pianistin Heather O’Donnell am 26.2. im japanischen Kulturinstitut für eine Begegnung zwischen Japan und Amerika.

In der Alten Feuerwache stehen am 20.2. die Sprechbohrer auf der Bühne. In der Kölner Musikhochschule präsentiert sich am 3.2. die Kompositionskasse des neu installierten Instituts für Neue Musik, während am 4.2. Klaviermusik plus Improvisation mit Studierenden der Klasse Álvares zu hören ist. Much more Rumors gibt es derweil am 4.2. in der Kunsthochschule für Medien. Eine Raum Klang Licht-Aktion an und in der Christuskirche mit Nikola Dicke und Gero Koenig ist am 26.2. zu erleben und vom Landesmusikrat geförderte Musik von Komponistinnen wird am 5.2. in der Antoniterkirche (Oxana Omeltschuk) und am 28.2. im Stadtgarten (Ulla Oster) gespielt.

Sonstiges



In Münster bietet das KlangZeit-Festival vom 31.1. bis 14.2. ein vielfältiges Programm mit Klavierwerken des Futurismus, einem Korean Music Project und Musik von Alvin Curran, Helmut Oehring u.v.m.



In Zusammenarbeit mit der musikFabrik werden am 4.2. in der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf Werke von Furrer, Platz und Haas gespielt. Das notabu.ensemble stellt am 19.2. in der Düsseldorfer Tonhalle Musik von Berio, Boulez und Peter Gahn vor.


In der Essener Philharmonie ist das ensemble modern am 13.2. mit türkischen Inspirationen von Vladimir Tarnopolski, Marc Andre, Beat Furrer und Samir Odeh-Tamimi zu Gast.



Das Henze-Projekt wartet im Februar mit einer Filmretrospektive in Bochum und diversen Kammerkonzerten auf.



Am 6.2. steht La tomba die Paganini von Manfred Trojahn auf dem Programm des Dortmunder Konzerthauses.


In Aachen befasst man sich am 8.2. mit CD-Veröffentlichungen des letzten Jahres. Am 1.2. ist die Jugendoper Die Mädchen von Theresienstadt von David Paul Graham zu erleben. Außerdem findet am 3.2. erstmals ein offenes Treffen für Improvisationsbegeisterte statt.


Neue Kammermusik von Oskar Gottlieb Blarr sowie Stefan Heucke stellt das Ensemble der Bergischen Gesellschaft für Neue Musik am 5.2. im Konzertsaal der Wuppertaler Dependance der Kölner Musikhochschule vor. Am 9.2. spielen Studierende in der Immanuelskirche bei freiem Eintritt zeitgenössische Chor- und Ensemblemusik.


Einen bunten Abend mit vielen Köstlichkeiten, darunter vier Uraufführungen sowie Vokales vom Río de la Plata verheißt am 10.2. Kowalds ort. Jeweils am letzten Donnerstag im Monat findet außerdem eine Session als Forum für alle interessierten Musiker statt und am 17.2. begegnen sich die beiden Perkussionisten Michael Vorfeld und Christian Wolfarth. In der Reihe unERHÖRT wird am 19.2. in der Neuen Kirche, Sophienstraße, russische Kammermusik des 20. Jahrhunderts vorgestellt.


zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik.
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